Lyrik eines Landstreichers – unsere persönlich erlebte Weihnachtsgeschichte

christmas-202233_640Unser berührendes Erlebnis am 5. Dezember 1992 möchten wir unseren Lesern hier zum Geschenk machen. Betrachten wir doch für einen Moment mal die Welt aus den Augen dieses weisen Landstreichers, dem wir damals begegnet sind.

Lyrik eines Landstreichers:
Die Harmonie der Welt

Eine Entscheidung ist gefallen: Wir fahren nach dem Besuch eines Einkaufszentrums in der Schweiz nicht – wie vorher geplant – noch in die Berge zum Wandern. Nein, wir werden uns nun auf den Weg nach Friedrichshafen machen, um noch ein bisschen Weihnachtsmarktatmosphäre zu schnuppern. Es widerspricht zwar völlig dem, was der Verstand uns immer wieder entgegensetzen will: das neblige, nasskalte Wetter am Bodensee – dagegen die Sonne oben in den Bergen, die unsere Seele wieder auftanken würde. Doch weiß der Himmel, warum es uns einfach nicht loslässt, diesem neuen Entschluss nachzugeben…

santa-claus-228913_640Am Bodensee angekommen, machen wir uns, dick eingepackt, auf den Weg ins vorweihnachtliche Getümmel. Es ist der 5. Dezember 1993. Überall laufen Nikoläuse mit ihren Knecht Ruprechts durch die Straßen und verteilen allerlei Leckereien an die Kleinen, die das Staunen zum Glück noch nicht verlernt haben. Ach – manchmal wünsche ich mir, uns könnte diese Gabe doch ewig erhalten bleiben und nicht zwischen Hektik und Materialismus langsam zerbrechen.

Da wir eigentlich kein Ziel haben und es schon fast bereuen, uns doch noch diesem hastenden Menschenhaufen einverleibt zu haben, kommen wir uns plötzlich etwas verloren und voller zwiespältiger Gefühle vor. Dennoch gehen wir, wie an einem unsichtbaren Faden geführt, langsam weiter in Richtung Fußgängerzone und Weihnachtsmarkt.

Wie es wohl in jeder Stadt dazugehört, so sitzt auch hier – ein Landstreicher. Er hält den Kopf gesenkt, gerade so, als ob er schliefe. Wir gehen – mit etwas schlechtem Gewissen – weiter.

Plötzlich – erst einige Meter danach – registrieren wir etwas, das eigentlich ungewöhnlich ist. Dieser Landstreicher hat nicht, wie alle anderen, einen Geldbehälter vor sich stehen. Nein – etwas völlig anderes ist es, das unsere Aufmerksamkeit weckt: ein fein säuberlich aufgebautes Holzschildchen mit der Aufschrift: „Lyrik eines Landstreichers“, worunter fünf kleine, aus Kopien zusammengefaltete Heftchen liegen, die so gar nicht zu der schmuddeligen Erscheinung des Anbieters passen.

innocent-98449_640Sehr angetan von der außergewöhnlichen Idee dieses Mannes, machen wir kehrt und stellen uns vor ihm auf. Irgendwie beschleicht uns eine gewisse Ehrfurcht, ohne sie uns erklären zu können. Mein Mann Peter beginnt eine zaghafte Annäherung, indem er sich zu diesem Landstreicher hinunter bückt und fragt: „Darf ich mal in eins von Ihren Heften sehen?“ Wir sehen in ein erstauntes Gesicht, das unter einem dicken Schnauzbart steckt und uns mit rosigen Wangen und wachen Augen mustert. „Natürlich, dafür liegen sie doch da!“

Als wir die ersten Zeilen dieses „Heftchens“ lesen, sehen wir uns mit erstaunten Augen an. Solch große Worte haben wir darin nicht vermutet. Peter fragt daraufhin, wer denn der Schreiber dieser tollen Gedanken sei.

Darauf kommt eine völlig überraschende Antwort: „Na, ich. Aber – das sind keine Gedanken!“

„Versteh ich nicht“, sage ich zu ihm. „Sie haben es doch geschrieben, also sind es auch Ihre Gedanken.“

„Nein“, meint er daraufhin ruhig, „was Worte betrifft, da bin ich sehr genau! Das sind keine Gedanken. Das habe ich geschrieben – richtig. Doch sehen Sie mich dabei nur so etwas wie ein Werkzeug. Meine Gedanken waren es nicht.“

Das saß! Langsam beginnt die Welt um mich herum zu versinken, und es gibt nur noch uns drei: Peter und mich zusammen mit einem „Landstreicher“, der mir einige Rätsel aufgibt.

Ich mustere ihn sehr genau: seine Augen, von denen das eine wahrscheinlich blind ist, doch sein trotzdem wacher Blick – sein wettergegerbtes Gesicht, das verschmitzte Lächeln – seinen dicken schmuddeligen Schafwollpullover, der ihn vor der nassen Kälte nur dürftig schützt, seine abgetragenen und viel zu weiten Hosen – Schuhe, die vermutlich schon viele Kilometer Straßenstaub hinter sich gebracht haben – ungepflegte Hände, die weiße Blätter signierten – eine Kopfbedeckung, die wohl mal ein Hut gewesen war – einen „verbrauchten“ Rucksack mit all seiner Habe.

Doch bei all diesen äußerlichen Eindrücken trifft mich ein anderer doch tief drinnen im Herzen: Es ist die völlige Zufriedenheit dieses Mannes mit sich selbst, die ich noch nie bei einem Menschen unserer Zivilisation angetroffen habe.

Irgendwie kommt mir der Vergleich mit dem wirklichen, echten Nikolaus, der gewiss nicht soweihnachtsmann_150px aussieht wie die vielen rot bemäntelten „Ebenbilder“, die jetzt überall in den Städten ihren Dienst tun.

Mein Zweifel darüber, ob die Sprüche auch wirklich durch seine Hände geboren wurden, zerstreuen sich schnell, denn genauso wie die geschriebenen Worte sind seine gesprochenen. Unendlich ruhig und beinahe würdevoll – einem großen Dichter gleich – setzt er eine Weisheit an die andere, nachdem ihm klar wird, dass wir ihn nicht „auf den Arm“ nehmen wollen.

Mein Bewusstsein beginnt sich zu verändern. Ich schäme mich plötzlich, zu dieser hastenden, konsumierenden Menschenmasse zu gehören, die abhängig ist von äußeren Hilfsmitteln, anstatt mit der Natur zu leben und in sich selbst zu ruhen. Oh, was fühle ich mich doch arm gegenüber dem Reichtum der Freiheit dieser Seele. Gelänge es mir doch auch, diesen selbstgesetzten Zwängen zu entfliehen…

Er scheint Vertrauen zu uns zu finden und erzählt uns seine Geschichte, wobei es uns vorkommt, als säße er in einem gemütlichen Raum am Kamin und nicht auf einer kalten Straße in einer gefühllosen Welt.

Er stamme aus einer großen Lehrerfamilie, wie er erzählt, und mit 17 Jahren gab es für ihn die Entscheidung: entweder „Freiheit“ oder „Gefängnis“, wobei er mit Gefängnis unsere Gesellschaft bezeichnet. Seit dieser Zeit habe er schon in keinem Bett mehr geschlafen. Er sei sehr glücklich so und würde es auch nicht mehr anders wollen. – Wirklich, das Glück in seinen Augen ist eine Bestätigung.

Gedanklich geht mir natürlich jetzt durch den Kopf, dass wir ihn doch mitnehmen und ihm ein Bett und ein warmes Essen anbieten könnten. Doch schon während dieser Idee spricht er davon, dass er sich in Häusern eingesperrt fühlt. – Ich bringe es nun einfach nicht mehr fertig, ihn in so etwas Selbstverständliches wie ein Auto zu bitten, mein Inneres hält mich einfach zurück.

Er scheint unsere Gedanken zu kennen, was vielem zu entnehmen ist, und auch bei seinen Erzählungen über die Orte, in denen er war, hebt er ganz besonders Schleswig hervor – auch wir haben dazu eine besondere Beziehung.

fantasy-220092_640Meine teilnahmsvolle Frage, wie er denn zurechtkommt mit Kälte, Schnee, Regen … erzeugt seinerseits wieder eine rätselhafte Antwort, die sich erst später erklären lässt:

„Man muss nur die Gesetze der Elemente kennen …“

Ich stelle daraufhin so meine Vermutungen an. Sollte dieser Mensch es fertiggebracht haben, mit den Naturgeistern und Elementen in Einklang und Freundschaft zu leben?

Ich spreche ihm meine Bewunderung und meinen Mut aus, dem er aber sofort widerspricht: „Nein, das ist kein Mut, aber ich möchte trotzdem mit niemandem tauschen…“

Da unsere bisherigen Denkmuster uns einfach nicht verlassen wollen, sind wir der Überzeugung, ihm eine Freude zu machen, indem wir für seine Sprüche in den höchsten Tönen werben. So bleibt mancher der vorbeieilenden Zeitgenossen stehen, um unser Interesse an diesem Mann zu erforschen, eilt dann aber weiter, als feststeht, dass keine Sensation zu erwarten ist.

Zu unserem großen Erstaunen werden wir sehr schnell von unserem Bestreben abgehalten, eine großangelegte Werbung zu starten.

„Nein, nein, bitte keine Werbung!“

Seine Bescheidenheit rührt uns.

„Dass Sie wieder zurückgekommen sind und dies lesen, ist kein Zufall. Denn Zufall gibt es nicht!“ sagt er ganz bestimmend. „Die Menschen werden zu mir geführt, die dies haben sollen. Also, bitte keine Werbung machen!“

Nun erst fällt mir ein, ihn zu fragen, was er denn für diese kostbaren Zeilen haben wolle. Darauf meint er nur: „Eine milde Gabe – was Sie wollen.“

Obwohl es mir persönlich als Gegenwert noch zu gering erscheint, drücke ich ihm meinen letzten Zehnmarkschein in die Hand mit der Bemerkung, das sei es mir wert.

Der Landstreicher sieht mich mit großen Augen verwundert an und gibt mir zu verstehen, das sei doch viel zuviel.

Doch nach seinen erfolglosen Ablehnungsversuchen durchzieht mich der Dank aus seinen Augen wie ein warmer Strahl an diesem kalten Winterabend. Noch nie habe ich solch sprechende Augen gesehen!

Bereitwillig erzählt er uns dann seine Geschichte weiter. Von anderen Städten, in denen er war, und auch, wie es dazu kam, dass seine Sprüche nun vor uns liegen:

typewriter-801921_640Einem Buchhändler gefielen diese Zeilen so gut, dass er dem „armen“ Mann die Gelegenheit gab, sie auf Schreibmaschine zu schreiben und zu kopieren.

Von der sogenannten „Gesellschaft“ kann er uns nur erzählen, dass sie ihn gerade an diesem Morgen wieder einmal in einem der bekannten Stehcafés am Kragen gepackt und vor die Tür gesetzt haben, obwohl er nur einen bezahlten Kaffee habe trinken wollen. Man habe sogar mit der Polizei gedroht.

So ist das in unserer ach so geordneten Gesellschaft mit den Vor-Ur-Teilen…

Als Peter und ich uns nach einiger Zeit, die wir völlig raum- und zeitlos verbracht zu haben schienen, auf dem Weihnachtsmarkt wiederfinden, haben wir wohl beide die gleichen Gedanken: War das eben Wirklichkeit – oder nur ein Traum?

Die weißen Blätter in unserer Hand geben uns die Antwort…

Unsere Gedanken gehen weiter die gleichen Wege, bis ich sie ausspreche: „Wir bringen ihm eine Tasse mit heißem Punsch vorbei.“

Gedacht, gesagt, getan. Wir tragen unsere heiß dampfende Gabe durchs Gewühl wie einen kostbaren Schatz. Fast haben wir Angst, unsere „Erscheinung“ könne weg sein, vielleicht einfach in Luft aufgelöst…

Doch als wir um die zweite Ecke in die Fußgängerzone biegen, sitzt er da, signiert zufrieden einige seiner „Heftchen“, grade so, als ob er gleich eine Lesung hielte.

Peter drückt ihm die heiße Weihnachtsmarkttasse in die Hand mit der Bemerkung: „Hier – ein bisschen Herzenswärme von uns.“

Dankbare und glückliche Blicke steigen zu uns auf mit der Frage: „Und wohin gehört die Tasse?“

„Die gehört jetzt zu Ihnen“, versichert ihm Peter.

heart-1043245_640Soviel Wärme, Dankbarkeit und Liebe, die dieser gute Mann uns aus seinen Augen hinterher schickt, werde ich nie im Leben vergessen! Welch weise alte Seele mag in dieser äußeren Landstreichergestalt stecken, die der Menschheit viel geben kann – wenn sie es versteht, die Dinge hinter den Dingen zu sehen…

„Die Harmonie der Welt“, die uns dieser Landstreicher -geschrieben auf ein paar losen Blättern- mitgab, hat uns gezeigt, dass wir eine Begegnung „der anderen Art“ hatten. Es ist mit Worten nicht zu beschreiben…

© geschrieben 1993 nach einem wahren Erlebnis von JonaMo und Peter (www.matrix-korrektur.de)

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Diese Geschichte ist ein Geschenk und darf gerne weiter verschenkt werden. Doch bitte immer unverändert und mit dem Link zu dieser Seite! Herzlichen Dank!

 

9 comments

  1. Silvia Schnurr sagt:

    Herzlichen Dank für dieses wunderbare Erlebnis, das intensiv
    nachzuerleben ist!
    Die wahren Schätze sind in unserem Inneren <3<3<3
    Herzens-Gruß Silvia

  2. Monika sagt:

    Liebe JonaMo,
    vielen herzlichen DANK für diese wunderbaren Zeilen, sie haben mein Herz ganz tief berührt !!!!

    Ich wünsche euch noch einen schönen Advent und ein besinnliches Weihnachtsfest !!!
    Herzliche Grüße aus dem Pielachtal/Dirndltal,
    Monika

  3. Ursula sagt:

    Liebe JonaMo,

    vielen dank für diese Geschichte, die mich sehr berührt hat.
    Das Äußere ist nur ein Mantel, den können wir sowieso nicht mitnehmen, wichtig und bedeutend ist das Innere, das Herz. Danke!
    Euch beiden von Herzen eine schöne Vorweihnachtszeit in innerer Zufriedenheit ohne Hektik
    Ursula

  4. Elfriede sagt:

    Danke Jona Mo!!
    Ein wahrer Schatz!
    Herzensgruß Elfriede

  5. Friederike Kobald sagt:

    Danke, daß Ihr Eurem Herzen gefolgt und umgekehrt seid. Und danke´daß Ihr dieses „Wunder“ teilt!!! Ich fühle mich sehr beschenkt!!!
    Liebe und Licht für Euch!

    Friederike

  6. Gabriele M. sagt:

    Liebe JonaMo, lieber Peter,
    eine unglaublich berührende Geschichte, die mein Herz weit geöffnet hat.
    Vielen, vielen Dank für dieses besondere Geschenk.
    Einen schönen 2. Advent und einen wunder-baren Nikolaustag.
    Alles Liebe
    Gabriele

  7. So eine schöne Herzerwärmende Geschichte 🙂 Danke!

  8. Irene Rösch sagt:

    Guten Morgen an diesem 2. Advent, liebe JonaMo,

    eben habe ich sehr berührt Eure Nikolaus-Geschichte gelesen . . . . DANKE dafür!
    Gerne werde ich sie weiterschicken!

    Danke auch für die vielen Dinge, die Du auf Deiner Seite frei zur Verfügung stellst – ich werde mich im Laufe der Zeit hindurchbewegen und mich dann melden – – – (besonders Deine Bilder haben es mir angetan :=) …..

    Als Shaumbra habe ich sowieso eine besondere Beziehung zu Deiner Energie ;=) ——

    Herzliche Grüße aus Trendelburg an der Deutschen Märchenstraße in Nordhessen schickt Dir und Deinem Mann Peter

    Irene

  9. Karin sagt:

    Vielen Dank JonaMo fürs
    Teilen der Geschichte-konnte ich mir bildlich vorstellen und
    hat mich sehr berührt.
    Danke und schönen 2.Advent Dir und Peter
    von Karin aus Sachsen

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